André Bauler
Willkommen in der Fotodemokratie!
Alljährlich bietet uns die Sommerpause die Gelegenheit auszuspannen, Abstand von den Alltagsgeschäften zu nehmen und die freie Zeit zu nutzen, um über uns selbst zu reflektieren. Augenblicklich erleben wir fürwahr eine äußerst hektische und daher anstrengende Zeit, in der wir eine Fülle an Eindrücken empfangen und in welcher Hunderte Bilder auf uns einprasseln, insbesondere im weltweiten Netz.
Soziale Medien beherrschen unser Leben mehr denn je. Sie sind zum Austragungsort politischer und gesellschaftlicher Diskussionen geworden, die gelegentlich in hitzige Auseinandersetzungen ausarten. Persönliche Anrempelungen, falsche Informationen und verzerrte Kommentare sind an der Tagesordnung. Den klassischen Medien fällt es zusehends schwerer, sich in diesem komplizierten und überhitzten Umfeld zu behaupten.
In dieser emotional aufgeladenen Atmosphäre wird der professionelle Journalismus vielfach in Frage gestellt. Ihm wird mangelnde Objektivität vorgeworfen. Somit wird die gesellschaftliche Debatte immer leidenschaftlicher und undiff erenzierter. In dieser neuen Welt sind Nuancen und feinsinniges Denken keineswegs gefragt. Ganz im Gegenteil: derbe Sprüche, deftige oder polarisierende Aussagen sowie grobe Anfeindungen führen zu Tausenden Klicks.
Digitaler Narzissmus?
Seit einem guten Jahrzehnt nutzt auch die Politik diese Arena invasiver Bilder und schlagkräftiger Slogans. Nicht nur in Wahlkampfzeiten, sondern ebenfalls zwischen den Wahlgängen. Auch das Auftreten von Politikern lässt sich problemlos in den sozialen Medien verfolgen. Die einen sind sehr diskret, also unaufdringlich unterwegs. Sie stellen ihre Projekte ins digitale Schaufenster und erhoff en sich, positive Kommentare zu ernten. Auch zeigen sie sich gelegentlich privat und posten Selfies auf denen sie sich selbst in einer heilen Welt vorstellen.
Andere hingegen greifen unmittelbar über „social media“ in die öffentliche Meinungsbildung ein und zögern nicht, ihre Ideen oder Standpunkte ganz militant zu verbreiten. Dass sie sich dabei manchmal schroffen Kritiken oder bissigen Reaktionen aussetzen, ist nicht verwunderlich. Wer in der digitalen Welt den Kopf aus der Menge streckt und mit umstrittenen Meinungen für Aufsehen sorgt, muss mit mehr oder weniger heftigem Gegenwind rechnen.
Eine dritte Kategorie beherrscht die Technik der sozio-medialen Omnipräsenz perfekt. Da werden dem Betrachter fast stündlich Bilder mit fotogenen Posen eingespielt, sodass man sich nur schwer des unguten Gefühls erwehren kann, einige Mandatsträger hätten sonst nichts zu tun, als sich möglichst vorteilhaft vor Kameras in Szene zu setzen. Inhalte rücken somit in den Hintergrund.
Kritisches Hinterfragen vonnöten
In einer Zeit unstabiler Verhältnisse haben Bilder eine große Macht, auch und gerade im politischen Tagesgeschäft. Stets gilt es daher zu hinterfragen: Was wollen uns diese eigentlich vermitteln? Sind sie eventuell manipuliert worden? Wieviel politische Substanz steckt in ihnen?
Ein Grund mehr, den Medienunterricht an unseren Sekundarschulen zu intensivieren, um kritisches Denken zu fördern und somit Falschmeldungen von wahren Fakten unterscheiden zu können. Und noch ein Grund mehr, die neuen Medien stets mit der nötigen Skepsis zu hinterfragen, um gegebenenfalls vermeintlich politische Statements als das zu entlarven, was sie wirklich sind: leere Worthülsen oder nichtssagende Gemeinplätze, die für die persönliche Imagepflege herhalten müssen.
Eine wahre Herkulesaufgabe in Anbetracht der schier unbegrenzten Möglichkeiten, welche die sozialen Medien und die Künstliche Intelligenz bieten, und angesichts der Gefahren, die mit dieser Entwicklung einhergehen.
Dennoch sollten Sie sich trotz des pessimistischen Grundtons meiner Ausführungen nicht davon abbringen lassen, ihren Fotoapparat während der Ferienzeit einzusetzen. Ganz im Gegenteil: Nutzen Sie diese Wochen, um kreativ zu sein und insbesondere die Schönheiten des Öslings einzufangen.
Wir freuen uns auf jedes gelungene Foto, das die Einzigartigkeit unserer Landschaft einfängt und das wir in unserer Zeitschrift veröffentlichen dürfen. Auch in diesem Sinne sei ihnen allen eine geruhsame und schöpferische Sommerpause gewünscht.
