De Cliärrwer Kanton 1992-2
Léon Braconnier

Interna

Als sich vor einem guten Jahr die Pforten unserer Ausstellung « De Kanton Cliärref, e schéint Stéck Lëtzebuerg » schlossen, waren unsere Gefühle gemischter Natur. Zum einen, die Genugtuung: 10.000 Besucher aus nah und fern hatten sich nach Clerf begeben, viel Lob und Anerkennung für die Organisatoren und Aussteller. Zum anderen, die Ungewißheit: 1.500.000 Franken Defizit, mit Sicherheit eine (zu) schwere Hypothek für unsere Vereinigung. Trotz mehrmaligem Anpassen unseres Finanzierungsplanes waren uns die Kosten am Ende doch davongeeilt.

Nun dürfen wir aufatmen: die schwierige Periode der Ungewißheit ist vorbei, die Schuld ist abgetragen. Und so möchten wir uns aufrichtig bedanken:

  • bei Herrn Minister Rene STEICHEN und dem Kulturministerium, wo wir auf viel Verständnis und Hilfsbereitschaft gestoßen sind. Im Frühjahr erhielten wir die Summe von 362.000.-, im Sommer wurden weitere 500.000.- nachgereicht. Ohne diese Unterstützung wäre die Zukunft unserer Vereinigung mehr als fraglich gewesen.
  • beim Syndicat Intercommunal pour la Promotion du Canton de Clervaux, also den Gemeinden Clerf, Consthum, Heinerscheid, Munshausen, Ulflingen, Weiswampach und Wintger, welche uns 470.000.- überwiesen haben. Seit 1979 sind die Gemeinden des Kantons eine treue und äußerst wertvolle Stütze des Cliärrwer Kanton. Die verbleibende Summe konnte aus Eigenmitteln aufgebracht werden.

Auch bei unseren Abonnenten möchten wir uns bedanken. Dieses Jahr hat annähernd die Hälfte (!) unserer Mitglieder 1.000.- überwiesen! Für alle Verantwortlichen ein Zeichen der Anerkennung, aber auch der Ermunterung zum Weitermachen.

Mit einer gesunden Finanzlage im Rücken eröffnen sich dem « Cliärrwer Kanton » neue Perspektiven. So oblag dieses Jahr unserer Vereinigung die Organisation des

Internationalen Treffens der Geschichtsvereine

welches am Samstag dem 11. Juli stattfand. Etwa 170 Mitglieder verschiedener Geschichtsvereine aus Ostbelgien und der Eifel konnten wir begrüßen. Auf dem Programm standen die Besichtigung von Munshausen (Kirche und Museum), vom Pilot-Dorf Lellingen und dem Clerfer Schloß, bevor der Tag seinen Ausklang in Ulflingen fand. Professor Norbert Thill, Herr Norbert Thelen in Munshausen, Herr Charles Schmit in Lellingen, Herr Victor Kratzenberg in Clerf waren hervorragende « Guides », derweil während der Rundfahrt die Herren Aloyse Kohnen, Victor Kratzenberg, Jos Sadler und Jean Stephany in den Bussen exzellente Reiseleiter abgaben.

Für unsere Vereinigung eine Erfahrung, die man zur Organisation ähnlicher Aktivitäten für unsere Mitglieder nutzen könnte. Der Einsatz unseres Vorstandes und einiger treuen Mitarbeiter war bemerkenswert, ähnlich wie bei der Organisation unserer Ausstellung. Dennoch: seit dem unerwarteten Tod unserer geschätzten Sekretärin, Maria Neuens, ist der Posten des Schriftführers unbesetzt. Bittere Tatsache: trotz zahlreicher Kontakte ist es nicht gelungen, eine Person zu finden, welche bereit wäre, sich unentgeltlich als Sekretär(in) in den Dienst des « Cliärrwer Kanton » zu stellen. Dieses mag verdeutlichen, wie hoch der Verdienst jener ist, welche seit Jahren, vielfach von Beginn an, zur Gestaltung unserer Zeitschrift beitragen oder Mitglied des Vorstandes sind.

Im kulturellen Bereich liegt vieles brach. Und es wäre mehr als schade, wenn das eine oder andere Projekt mangels Mitarbeitern scheitern würde. Viel Erfahrung konnte durch die Organisation der Ausstellung mit ihrem großen Rahmenprogramm gesammelt werden. Die begrüßenswerte Ernennung eines « Animateur cultu-rel » für die Nordregion durch das Kulturministerium eröffnet zudem neue Perspektiven. Der Beginn einer neuen Etappe?

…und die Frage: Wann weihen wir die Nordstraße ein?

Nun ist dieses Bulletin, über seine historisch-kulturelle Mission hinaus, in all den Jahren ein Sprachrohr der Nordregion gewesen. Und sollte dies auch in Zukunft bleiben. Ohne diese Zeitschrift, ohne die gezielten Aktivitäten unserer Vereinigung wäre vermutlich so manches nie oder erst viel später in Bewegung geraten. De Cliärrwer Kanton, mehr als einmal Katalysator der Evolution. Eine Evolution, deren Antworten dennoch nicht immer auf die offenen Fragen passen.

Stimmt es zum Beispiel, daß der im Rahmen der Landesplanung erstellte Entwicklungsplan für die Nordregion seit beträchtlicher Zeit in einer Schublade schlummert? Wenn ja, wieso wird er nicht veröffentlicht, wieso nicht diskutiert?

Wie steht es um den Bau der Nordstraße? Während der Debatten über die Notwendigkeit einer modernen Straßenverbindung zum Norden zählten die Befürworter des Projektes eine Reihe wirtschaftspolitischer Argumente auf, die, so schien es zumindest, keinen weiteren Aufschub zuließen. Ist nun, nach dem prinzipiellen Ja der Abgeordneten, die Luft heraus?

Schade wäre es, wenn die gewählten Volksvertreter nach dem Festlegen einer Trasse die Hände in den Schoß legen würden.

Das (fast) beneidenswerte wirtschaftliche Emporschnellen der Ostregion nach dem Bau der Autobahn sollte eigentlich keinen Zweifel an der Wichtigkeit einer modernen Straßenverbindung übrig lassen. Ein überzeugender Beweis in der Tat. Auch nach dem Bau einer Autobahn ist die ökonomisch schwächere Region mitnichten ausgeblutet, im Gegenteil.

Verbindung heißt das Zauberwort, mit dem Zukunft gebaut wird. Weltweit kann man das Gerangel um Hochgeschwindigkeitszüge, Flugplätze, Landerechte, Autobahnen, Häfen usw. beobachten.

Ohne sichere und schnelle Nordstraße wird die Nordspitze des Landes um ihre Zukunft betrogen.

An welcher Stelle figuriert die Nordstraße auf der kürzlich veröffentlichten « Prioritätsliste » für die nächsten Jahre? Welcher Dringlichkeitsgrad wird der Zukunftsplanung des Nordöslings augenblicklich noch zuerkannt?

Das Realisieren der Nordstraße ist der Gradmesser für die Glaubwürdigkeit der Politiker. Mit dem weiteren Hinausschieben dieses Gesetzesprojektes käme der sog. Nordstraßendebatte im Frühjahr 1992 eine Feigenblattrolle zu.

1985 veröffentlichte eine sog. gemischte Kommission unter Mitarbeit unserer Vereinigung 78 Vorschläge zur Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Strukturen des Kantons Clerf. Naturgemäß war die Wichtigkeit und die Dringlichkeit der einzelnen Punkte äußerst variabel. Mögen auch die Auffassungen über den Prozentsatz des Realisierten auseinandergehen: es ist manches in Bewegung geraten. Doch diese Bewegung könnte sich teilweise als Schlag ins Leere erweisen: auch ein Bündel von noch so gutgemeinten punktuellen Maßnahmen geben keinen Zukunftsplan ab. Aber genauso gravierend dürfte die Tatsache sein, und dies wird immer deutlicher, daß ohne den rapiden Bau der Nordstraße so manches in der Luft hängen bleibt. Schade drum.