De Cliärrwer Kanton 1998-S
Léon Braconnier

Il était une fois novembre…

Noch ist die Herausgabe unserer Sondernummer nicht Tradition. Aber für den Verein De Cliärrwer Kanton, der 1999 zwanzig wird, schon nicht mehr wegzudenken. Wir haben letztes Jahr mit der inzwischen vergriffenen Ausgabe über die Clerfer Benediktinerabtei größtes Lob und Anerkennung geerntet. Mit Sicherheit ist die Extranummer eine Bereicherung unserer Zeitschrift und eine frische Brise für den Verein. Ein weiteres Mal haben nun die Patres der Abtei ihre wertvolle Mitarbeit zugesagt. So ist eine Brücke zwischen beiden Jahren entstanden, die hoffentlich auch in die Zukunft führt. Aber auch allen anderen hervorragenden Mitarbeitern sei von Herzen für ihre wertvolle Arbeit gedankt.

Il était une fois novembre… haben wir diese Nummer genannt. Sie soll in diesen Herbsttagen etwas Nachdenklichkeit anbieten, etwas von der Stille erzählen. Viele Kreuze kann man in den nahezu 100 Seiten zählen. Ja, diese Novembernummer erzählt in Bild und Wort auch vom Tod. Von vielen Toden. So stirbt der grünbunte Sommer jedes Jahr im gelbbraunen Herbst seinen windigen und nassen Tod. Und wenn der weiße Dezemberwind von Osten her bläst, dann ist es auch um den gelbbraunen Herbst geschehen. Aber läßt die Schwelle zum Winter nicht auch die Gemütlichkeit der langen Abende ahnen? Ja, vielleicht soll unsere Zeitschrift für einmal wie ein Almanach von früher sein, mit Bildern und mit Geschichten, die man im bequemen Sessel am Kamin liest oder vorliest. Mag sein, daß all dies am Ende des Jahrtausends vielleicht schon sehr fremd klingt. Zu vieles ist den Menschen fremd geworden, zu viele einfache Dinge, zu viel Tagtägliches: das Erzählen, das Gespräch, das Sich-Verwundern, das Staunen, die Liebe zum Detail, das Dankbar-Sein.

So klafft oft, zu oft, eine tiefe Lücke zwischen der Welt der älteren Menschen und der coolen Szene der Jungen. Man fragt sich, welche Zukunft die Kinder erwartet, welcher Zukunft sie sich verkaufen. Wer weiß, bis zu welchem Grad sie nicht schon Marionetten der allgegenwärtigen Werbung sind? Wer diktiert die sogenannten Trends, wer bestimmt was «in» und was «out» ist? Und wie lange können die ebenso gravierenden wie beängstigenden Informations- und Wissenslücken in der vermeintlich so kommunikationstüchtigen, multimedialen Welt noch verniedlicht werden?

Trotz mitunter erstaunlichem Fortschritt in Technik und Medizin, ein Fortschritt, der die Lebensqualität zumindest in den westlichen Breiten entscheidend verändert hat, die Sehnsüchte der Menschen sind gleich geblieben. Auch in unserem engmaschigem Sozialnetz erscheint die Suche nach Liebe, Geborgenheit, Wahrheit, Glück und Frieden wie eine ewige Schatzsuche.

Die Wie-es-früher-einmal-war- Fanatiker sagen nicht die ganze Wahrheit. Das „Früher » war beileibe keine Idealwelt. Vieles ging ohne Netz über die Bühne. Und in der Geschichte der Menschheit hat es eh weit mehr Finsternis denn Licht gegeben. Das kommende Jahrtausend aber, soll es leuchten, braucht Kreativität, Toleranz, Imagination, Phantasie, Intelligenz, Humor. Liebe. Und all das gibt es nicht aus der Konserve, nicht im Internet. Finanzkrisen und endlose Gewalt weltweit zeigen auf bedrohliche Weise, wohin Geldsucht und Geltungssucht, Sensationsgier, Egoismus, Ignoranz und Fanatismus führen. Wissen, Information und Aufgeklärtheit sind unerläßlich, aber man sollte die kulturelle Formation, den Sinn für das Schone, das Gefühl für die Kunst, die Liebe zur Musik, die Bewunderung der Natur, die Lust am Lesen, die allgemeine Bildung nicht als überflüssigen Luxus abtun.

Mit unserer diesjährigen Sondernummer wollen wir unseren Abonnenten ein kleines Stück Literatur und Poesie schenken. Vielleicht ist der Monat November ein guter Moment, etwas anzuhalten und nachzudenken. Über das Leben und den Tod, über Sinn und Unsinn, über Liebe und Haß, über Wahrheit und Lüge, über das Wichtige und das Überflüssige. Diesen Moment der Besinnung sollte sich jeder nehmen. Und sich gönnen. Vielleicht besonders in einer Zeit, wo das Stehenbleiben, das Zurückschauen und auch manchmal das Nachdenken fast schon wegrationalisiert sind.