De Cliärrwer Kanton 2003-2
Jean Jaans

Notizen zu unserer Generalversammlung vom elften April 2003

Kein Massenandrang bei unserer statutenmäßigen « Hauptversammlung » 2003, bei welcher wie gewohnt weder Dividenden noch Kapitalerweiterungen beschlossen wurden, sondern die sachliche Bilanz eines aktiven kulturellen Vereines an der Landesnordspitze, der seit 24 Jahren mit « nachhaltigem » Einsatz und unleugbaren Erfolgen versucht, die soziokulturellen Belange des Nordkantons in peinlich gewahrter Unabhängigkeit von persönlichen und parteipolitischen Interessen höflich, aber bestimmt immer wieder zu unterstreichen und zu fördern.

Wie bereits betont: kein Massenandrang, aber die übliche Anzahl zuverlässiger Vereinsmitglieder und Freunde sowie erfreulicherweise auch von vielbeschäftigten Politikern, die einmal mehr Interesse und Teilnahme für unsere Anliegen bekunden. Erwähnen wir die Abgeordneten Emile Calmes, Agny Durdu, Nico Loes, Marco Schank, Lucien Weiler und Georges Wohlfart und vergessen wir die Bürgermeister Emile Eicher, Lucien Majerus und François Stephany nicht, die jeder auf seine persönliche Art viel Nützliches für Blühen und Gedeihen im Kanton Clerf geleistet haben und wohl auch in Zukunft unternehmen.

Nach der üblichen Begrüßung von Ehrengästen und Mitgliedern hatte Präsident Léon Braconnier die traurige Aufgabe, die Anwesenden zu einer Gedenkminute für Freund Victor Kratzenberg zu bitten, der uns in rauen Märztagen leider für immer verlassen hat. Vic war seit über 20 Jahren Vorstandsmitglied im « Cliärrwer Kanton » und hat immer viel Arbeit geleistet, bis hinunter zu so genannt undankbaren Aufgaben. Während längerer Zeit führte er unser Archiv und kümmerte sich um die Vereinsbibliothek ebenso wie um die Verwaltung unserer Mitgliederliste. Mit ihm verlieren Clerf und Umgebung einen vielseitig interessierten Mitbürger. Geschichte, Natur, Tourismus und Kunst waren Fixsterne in seinem bis ins hohe Alter aktiven Wesen. Er war ein zuverlässiger Lokalhistoriker und letztlich der einzige Ansprechpartner für Vorgänge und Tatsachen vergangener Zeiten, insbesondere war die Geschichte des Clerfer Schlosses sein Fachgebiet. Wir werden Freund Vic jedenfalls in guter Erinnerung behalten.

Es gehört zu den festen DCK-Traditionen, dass der Präsident vor den Aktivitäts- und Rechenschaftsberichten von Sekretärin und Schatzmeister einen Überblick unserer Tätigkeit zu zeichnen versucht und die Mitglieder zu Gedanken über das kulturelle, wirtschaftliche und soziale Leben an der Landesnordspitze anregt.

Freund Braconnier begann seine Ausführungen ’03 mit einem herzlichen Dankeschön nach mehreren Richtungen. Ohne freiwillige Mitarbeit zahlreicher gutgesinnter Helfer gäbe es keinen « Cliärrwer Kanton ». Kulturministerium und die Gemeinden im Kanton sind unsere wichtigsten Sponsoren. Ihnen gilt ein großer Dank und die Zusicherung, auch in Zukunft unser Bestes im Interesse der Region geben zu wollen. Merci auch unseren Abonnenten, deren Zahl im vergangenen Jahr übrigens gestiegen ist, mit ihnen steht und fällt unsere gesamte Tätigkeit. Ein großer Dank gilt auch den Mitgliedern, die regelmäßig an unserer Generalversammlung teilnehmen; für uns bedeutet das eine große Ermunterung. Dank auch der einheimischen Presse, die unsere Veranstaltungen ankündigt und begleitet. Dank aktiver Hilfe der Ulflinger Gemeinde hat unsere « Bibliothek Tony Bourg » den verdienten Erfolg; die Gemeindeverwaltung Clerf schenkt uns ein Zuhause und ermöglicht unsere Gemäldeausstellung zum Jahresende. Ohne verständnisvolle Mithilfe von Pater Abt und Gemeinschaft gäbe es keine « Journées du Chant Grégorien »; die « Animation culturelle régionale » des Kulturministeriums sichert uns organisatorische Unterstützung bei diesen « Journées » und die gesamte Planung wäre ohne das « Leaderbüro » in Munshausen nicht eben einfach. Redaktion und Gestaltung unserer Zeitschrift werden durch den unermüdlichen Einsatz von Freund Henri Keup gewährleistet.

DCK ist weitgehend Symbol für unsere Zeitschrift, die nunmehr im 24. Jahrgang erscheint. Sie hat sich den Entwicklungen und Forderungen unserer Zeit angepasst, ohne jedoch an

Qualität und Niveau

einzubüßen, ganz im Gegenteil. Die erste Nummer 2003 unserer Zeitschrift hat sich in neuem Layout vorgestellt, ganz in Farbe und in größerem Format. Auf unsere Zeitschrift sind wir jedenfalls stolz – Auflage und günstige Bewertungen sind Beweise ihrer Beliebtheit.

Im kommenden Jahr feiern wir 25 Jahre DCK und dann ist die bessere Gelegenheit zur Bilanzaufstellung gegeben. Man darf aber die Frage stellen, was unsere Vereinigung mit ihrer Zeitschrift nicht alles schon bewirkt hat. Lange vor anderen Initiativen befasste unsere Vereinigung sich mit der Zukunft des ländlichen Raumes. Die relativ frühe Gründung des SICLER ist ein Beispiel dafür, wie bereits in den achtziger Jahren Voraussetzungen geschaffen wurden für eine Entwicklung, die in den vergangenen Jahren Früchte getragen hat.

DCK hat sicher Pionierarbeit geleistet hinsichtlich Nachdenken und Bewusstseinsbildung zusammen mit dem Gefühl « Nur gemeinsam können wir etwas erreichen ». Wir haben nicht den Ehrgeiz, Denkfabrik gewesen zu sein, vielleicht aber « Denkatelier ». Viele unserer Vorschläge wurden angenommen. Hunderte Artikel zur Geschichte an der Nordspitze, zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung, über Natur, Kultur und Literatur fanden überall Anerkennung, ebenso wie die Qualität unserer Illustrationen und Photos. Unsere Spezialhefte sind aus dem kulturellen Luxemburg nicht mehr wegzudenken.

« De Cliärrwer Kanton » ist nur einer von vielen Bausteinen in unserer Region, aber er ist sehr solide. In den vergangenen Jahren haben wir die « Journées du Chant Grégorien » geschaffen. Ursprünglich war diese Initiative ein Leader-Projekt, inzwischen hat sie nationale Bedeutung erlangt. Über 1000 interessierte Menschen kommen jedes Jahr in die Abteikirche zu Konzerten, Vorträgen und Stageperioden, und zwar aus allen Landesgegenden und auch aus dem Ausland. Die Kirche war verschiedentlich fast zu klein, um alle Kunstfreunde zu fassen. Unsere Erwartungen von 1997 wurden übertroffen. In unserer Zeit entspricht der gregorianische Gesang einem echten Bedürfnis, denn er gibt den Zuhörern Ruhe und Frieden und er begünstigt ein Umfeld von Meditation und Stille. Unsere Journées stellen aber auch die Clerfer Benediktinerabtei in den Mittelpunkt; ohne die geistige und kulturelle Ausstrahlung ihrer « Pateren » hätte unsere Initiative nicht die gleiche Tragweite.

Einige Tatsachen fallen auf: Der Erfolg unserer Veranstaltungen bewegt sich im laufe der Jahre auf gleich bleibendem hohem Niveau. Unser Publikum ist ausgeglichen und reicht von ganz einfach sympathischen Menschen bis zum Minister, Direktor oder Manager. Auffallend viele Mitglieder des diplomatischen Corps finden den Weg zur Abteikirche – ich glaube, auch das wirft ein gutes Licht auf unser Land und sein kulturelles Angebot.

Auffällig ist aber auch die Diskretion, mit welcher die Presse diese Veranstaltung begleitet. Es ist zwar von Interesse, wenn auch nur in bescheidenem Maße, wenn ein Verein eine neue Fahne einweiht oder wenn es beim Straßenmarkt in Oberknuppech an Parkplätzen fehlte. Trotzdem wurde an vielen Orten bemerkt und kritisiert, dass keine einzige Tageszeitung es für nötig fand, auch nur eine einzige Bilanzzeile über die Journées zu veröffentlichen.

Wenn bei einem Fußballtreffen der unteren Liga nur 40 Zuschauer anwesend sind, erscheint am Montag ein Zeitungsbericht. Kultur hat schon mit größeren Schwierigkeiten zu kämpfen. Und Kultur im Ösling hat es noch viel schwerer. Seit 1979 veranstalten wir zum Jahreswechsel regelmäßig Gemälde-Ausstellungen. Der Redner kann sich nicht erinnern, dass jemals ein Kritiker der Luxemburger Presse unsere Veranstaltungen mit seiner Präsenz beehrt hätte. Ein Beweis mehr für die Erfahrung der « großen Distanzen » in unserm Land, und hier besteht die Hoffnung auf bessere Zeiten mit der fertig gestellten Nordstrooss.

Diese Straße ist für unsere Region mehr als eine einfache Verbindung. Sie läßt unser Land endlich zusammenwachsen, sie ist die Anerkennung des Öslings. Mit dem gegenwärtigen Teilstück gewinnt man bereits rund zehn Minuten. Aber es geht wie bereits betont um mehr als um Zeit und Sicherheit. Unser Kanton erhält einen anderen Stellenwert – aber welchen?

In diesem Zusammenhang verwies der Redner auf die Interpellation des Abgeordneten Georges Wohlfart vom 28. Januar 2003 zur Lage in der Nordregion. Die Frage nach der künftigen Bedeutung von 40 Prozent des Landesterritoriums interessiert unsere Vereinigung ganz besonders lebhaft, weshalb es sich lohnt, auf einige Punkte einzugehen (cf. hierzu auch den ausführlichen Bericht in unserer Zeitschrift 1/03).

Dass es innerhalb der gesamten Nordregion bedeutende Unterschiede gibt und dass die Problematik der Nordstadt sehr wenig mit den Anliegen « auf dem Lande » zu tun hat, war eine wichtige Erkenntnis, auch wenn damit kein Neuland betreten wurde. In den Regionen, die den Norden bilden, stellen wir ganz unterschiedliche Entwicklungen und Probleme fest.

Zu den spezifischen Problemen an der Nordspitze

einige allgemeine Bemerkungen:

  1. Die Lage im Ösling ist wahrscheinlich etwas besser als das, was in den Interventionen der Oppositionspolitiker zum Ausdruck kommt. Und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ist die Lage nicht gerade so gut, wie diejenigen behaupten, die einander für jeden Euro, der den Weg ins Ösling fand, gegenseitig auf die Schulter klopfen. Richtig ist, dass vieles an der Nordspitze in Bewegung ist.
  2. Damit stellt sich die Frage nach dem Gleichgewicht. Wenn die Verantwortlichen unseren Staat wie « gute Familienväter » führen wollen, dann müssen sie für Gerechtigkeit und Chancengleichheit Sorge tragen. Sieht man die gewaltigen Infrastrukturen, die im Zentrum und im Süden entstanden sind oder noch geplant werden, dann weiß man nicht immer, was man denken soll. Die Coque, das Festungsmuseum auf « Drei Eicheln », das neue Museum am Fischmarkt, das Naturmuseum im Stadtgrund, das Museum der Stadt Luxemburg, die restaurierte Abtei Neumünster, der Saal für das Philharmonische Orchester, das Pei-Museum, die Rockhalle – das sind allesamt Infrastrukturen, die einer Weltstadt würdig sind und auf die wir als Luxemburger sicher stolz sind. Léon Braconnier will den Sinn dieser prächtigen Gebäude nicht in Frage stellen und er will nicht einmal auf die Frage eingehen, ob der zeitweilige Verzicht auf eine dieser Verwirklichungen nicht sinnvoller gewesen wäre, um beispielsweise rechtzeitig nach der Kinderklinik oder den Lyzeen zu sehen, doch stellt er die Frage nach der Verhältnismäßigkeit und dem Gleichgewicht zwischen den Regionen.

Auf einige Punkte der Debatte kann man mit gutem Gewissen eingehen. Zum Beispiel das Projekt eines Lyzeums im Kanton Clerf.

Zu Beginn der achtziger Jahre schrieb René Maertz, das Staatsschiff sei

« ein langsames Schiff. Es agiert nicht, es reagiert ».

Es hat effektiv den Anschein, als stelle fast niemand dieses Vorhaben in Frage. Gegenwärtig soll verhindert werden, dass Jahre ohne Grund vertan werden bevor endlich eine bindende Entscheidung fällt. Die Diskussionen rundum « Welches Lyzeum? » oder « Wohin mit dem Lyzeum? » wären rasch zu beenden. Sie sind in diesem Sinn sogar programmatisch, weil sie die aktuelle Lage komplizierter gestalten und den Entscheidungsprozess noch verlängern könnten. Wir benötigen ein Lyzeum für unsere Kinder, für die Kinder aus der Region, ein Lyzeum wie die vielen anderen im Lande. Wo das Lyzeum erbaut wird, soll auf der Grundlage einfacher und objektiver Kriterien zwischen potentiellen Lagen entschieden werden. Zu bedauern ist, dass die Diskussion zum Thema noch immer überschattet wird von dem Leitmotiv « An e puer Joer kucke mer mol ». Ist es denn undenkbar, dass die Politik ab und zu in die Zukunft plant?

Nach passenden Zitaten von Meinhard Miegel in « Die reformierte Gesellschaft » zur mangelnden Entschluss- und Planungskraft der Politik betonte der Redner, man dürfe nicht tatenlos Zeit verstreichen lassen. Das Lyzeum im Kanton Clerf ist kein Luxus, sondern eine unbedingte Notwendigkeit, ein Lyzeum gehört zur Basisausstattung einer Region. Und sollte das neue Lyzeum den Namen Tony Bourg tragen, wäre DCK selbstverständlich ganz einverstanden.

Über Dezentralisierung wurde in der Parlamentsdebatte gesprochen, und das ist genau so wie « Qualitätstourismus » oder « Familienbetrieb » eines der Themen, die immer wieder vom Speicher heruntergeholt werden. Dezentralisierung ist ganz sicher ein frommer Wunsch, ob aber jemals etwas in den Kanton Clerf dezentralisiert wird, weiß der Redner nicht zu sagen. Jedenfalls muss der Glaube stark sein und einige haben ihn offenbar noch nicht verloren. Mit leiser Ironie erwähnt Léon Braconnier, unser Staat habe ja bereits dezentralisiert: will jemand nach der Stageperiode seine endgültige Fahrerlaubnis nachweisen, braucht er sich zwecks Abholens des Führerscheines nicht mehr in die Hauptstadt zu begeben, sondern nach Kalchesbréck! Auf diese Weise lernt jeder junge Éislécker die Luxemburger Geographie kennen… Die Interpellation Georges Wohlfart hat jedenfalls folgendes bewiesen:

  1. Die relativ kleine Anzahl von Rednern – ausschließlich aus der Nordregion – hat klargemacht, dass die Mehrheit der Volksvertreter sich um die Zukunft des Öslings keine allzu großen Sorgen macht. Auch das Echo in den Medien war sehr, sehr bescheiden. Das Interesse für den Norden ist also relativ beschränkt.
  2. Ausgesprochen viel Neues war nicht zu erfahren. Vieles war Wiederholung bekannter Stellungnahmen. Vielleicht war es auch übertrieben, viel Neues zu erwarten. Auch Bestätigen von Bekanntem kann wertvoll und beruhigend sein. Bedauerlicherweise ist noch immer kein Gesamtkonzept zu erkennen, und schade auch, dass von der Landesplanung keine endgültigeren Aussagen kommen.
  3. Zu bedauern ist auch, dass die konstruktive Motion von Georges Wohlfart bei einer ganzen Reihe von positiven Punkten nicht angenommen wurde.

Herzlichen Dank an alle Redner, die während der Kammerdebatte die Verdienste unserer Vereinigung erwähnt haben!

Das Ösling muss weiterhin hoffen, dass Projekte « vun ënnen », das heißt aus der Region, genügend Unterstützung « do ënnen an der Stad » finden. Leider fehlt ja in unserm land zwischen der Zentralregierung und den Gemeinden ein regionales Bindeglied, das den einzelnen Regionen etwas finanziellen Spielraum erlauben würde. Ganz sicher können die teilweise bereits geplanten Gemeindefusionen den regionalen und lokalen Kräften mehr Autonomie verleihen.

Die Einwohner und die Mitbürger, die sich mit dem Ösling näher befassen, wissen bereits seit längerer Zeit, dass die Realität im Ösling nicht dem Bild entspricht, das leider noch in vielen Köpfen besteht. Der Leitartikel in der Weihnachtsnummer unserer Zeitschrift hat manches Echo hervorgerufen. In diesem Beitrag war zu lesen, die Damen und Herren der Luxemburger Wettervorhersage in Radio und Fernsehen sollten doch bitte aufhören mit dem fast alltäglichen « besonnesch am Éisléck ». Viele Leser waren durch diese Bemerkung belustigt und einige meinten, es sei seither mit dem « besonnesch am Éisléck » besser geworden. Würde man dann auch noch die dümmlichen Werbespots weglassen, könnte man wieder ab und zu mit Sympathie den Empfänger einschalten.. Viele Werbespots sind derart primitiv, dass sie

nur ganz knapp Kindergartenniveau

erreichen. Hört ein Ausländer luxemburgisches Radioprogramm, könnte er insbesondere bei der Werbung zur Schlussfolgerung kommen, die Luxemburger seien ein Volk von Idioten.

Der Präsident zitiert ein prägnantes Beispiel: « So, däin Auto ass nawell eng flott Maschin. – Majo, deen ass aus dem Garage Topico zu Knuppech. – Ma dee wäert sécher eng Stang Geld kascht hun. – Bestëmmt nët esou vill, wéis de mengs. A wann’s du bis den 30. Abrëll bestells, kriss du den CD-Spiller fir näischt. – Ma da näischt wéi hin. Mee et ass sëcher elo ze spéit. – Ma neen, de Garage Topico zu Knuppech huet freides owes bis 9 Auer op. – Ma dat ass gutt ze wëssen. Ech si schon ënnerwee! Dud, dud! »

Weniger lustig ist folgendes Beispiel: Am Tag der Luxair-Katastrophe, bei welcher 20 Opfer zu beklagen waren, begannen die Nachrichten auf RTL-Télé mit einer Werbung von Poll Fabaire: What a wonderful world!

Vielleicht sollte man öfters die Radio- und Fernsehredaktionen anrufen, um auf lamentables Luxemburgisch, schäbigen Stil und niederdrückendes Niveau hinzuweisen.

Anderes Thema: Man muss sich immer mehr wundern über den Unterschied zwischen Wünschenswertem und Realität. Der Redner stellt immer wieder fest, dass die Autoindustrie es auch im vergangenen Jahr nicht fertig brachte, dichte Autos auf den Markt zu bringen. Immer noch fallen aus Lieferwagen, Lastwagen und Autos Flaschen, Dosen, leere Zigarettenpackungen und gefüllte Pampers heraus. Für die « Vocation touristique » des Öslings nicht gerade eine einwandfreie Visitenkarte! Aber auch unsere Qualitätstouristen verlieren unterwegs allerlei Zeug, mit dem Ergebnis, dass unsere Straßen und Wege regelmäßig Müllhalden ähneln und mühsam von Freiwilligen und der Straßenbauverwaltung gesäubert werden müssen.

Immer mehr Zeitgenossen verfallen dem Fitnesswahn, joggen, walken und trecken, dass die Fetzen fliegen. Befinden die gleichen Sportler sich jedoch in einem Gebäude, in einem Hotel, warten sie geduldig auf den Lift zum ersten Stock.. Auch unsere Jugend ist begeistert von Sport und Fitness, will trotz Zigaretten und Alkohol tapfer gesund leben. In Clerf sind abends am Beneluxplatz nur wenige Autos zu sehen, hingegen quetschen sich viele an dem schmalen Waldweg entlang, der zu den « Päerdsställ » führt. Vom Parkplatz unten wären nämlich 100 Meter per pedes zu bewältigen, und das auch noch bergauf…

Doch freuen wir uns an diesem Abend über positive Nachrichten. Der Redner denkt beispielsweise an den

Erfolg der Bibliothek Tony Bourg

in Ulflingen – Sekretärin Malou Wagner wird mit Einzelheiten aufwarten.

Das neue Leader-Programm mit Schwerpunkt « neue Technologien » ist auch ein Grund zur Freude. Der Naturpark « Our » bedeutet mit seinen Ausläufern für unsere Gegend andere, ungewohnte Perspektiven. Eine neue Zeit bricht an, zahlreiche kommunale und regionale Projekte berechtigen zu Optimismus.

Unser Kanton ist im besten Sinne des Wortes « ënnerwee ». Aber der Weg hat auch seine Risiken. Wir müssen lernen, gemeinsam planen, nicht nebeneinander. In den vergangenen Jahrzehnten hat vieles sich verändert. Wir denken heute in Quadratkilometern, nicht mehr in Hektaren. Unser Planen endet nicht an Gemeindegrenzen. Der Kanton soll ohne Zögern Kontakte zu Nachbarkantonen suchen, und wir Luxemburger sollen öfters mit unseren belgischen und deutschen Nachbarn Gespräche führen. Auf diese Weise planen wir besser neue Straßen, Industriezonen und weshalb nicht auch kulturelle und touristische Initiativen. Die vielen guten Privatkontakte über die Grenzen hinweg sind in diesem Sinne eine ausgezeichnete Voraussetzung für eine noch größere Zusammenarbeit.

Wenn der Weg in die Zukunft nicht ohne Risiko ist, müssen wir uns bewusst sein, dass leben jederzeit ein Risiko ist, denn mit dem Augenblick unserer Geburt läuft die Sanduhr. Es liegt jedoch in unserer Hand, die Gefahren für unsere Gegend möglichst gering zu halten. Zu bedauern ist hier, wie nur mehr wenige Dörfer noch eigentlich Dorfcharakter haben. Manche Bauwerke aus der Vergangenheit der Nachkriegsjahre wirken fast wie Todsünden. Auch baufällige Häuser, Schuppen und Ställe tragen zusammen mit schmutzigen und verwitter- ten Straßenschildern nicht zu einem harmonischen Bild bei.

Unser wichtigster Trumpf ist die Natur

und sie muss deshalb unbedingt geschützt werden. Unsere Wanderwege müssten besser gepflegt und nach Einsatz von schweren Arbeitsmaschinen instand gesetzt werden.

Auch bei der Nutzung der Windenergie ist Vorsicht geboten. So wie wir Industriebetriebe in spezielle Zonen einpflanzen, kann man sich einige große Windkraft- anlagen im Ösling vorstellen. Eine Zerspargelung unserer schönen Landschaft mit Windmühlen kreuz und quer muss aber um jeden Preis verhindert werden.

« Family of Man » bleibt weiterhin ein aktuelles Thema. Mit dieser Feststellung beendet Präsident Braconnier seinen Vortrag: Sind wir uns wirklich bewusst, welches Potential im Clerfer Schloss wohnt, fast könnte man sagen: schläft? Sind wir fähig zu erkennen, wie viel mehr aus der « Family of Man » zu machen wäre? Diese Ausstellung erzählt von dem Traum, dass wir eine Familie sind, und was ist eine Familie schon anders als ein Ort, wo liebe wohnt, wo es Toleranz und Verzeihen gibt, Zusammenhalten, Zusammenstehen! 2005 wird « Family of Man » 50 Jahre alt. Vor einigen Wochen stellte die nationale Unesco-Kommission die Kandidatur, die größte und bedeutendste Photoausstellung aller Zeiten durch die Unesco

als Dokument der Weltkultur

anerkennen zu lassen.

Im Tunnel der hauptstädtischen Staatssparkasse ist ein ganzer und eindrucksvoller Raum der « Family of Man » gewidmet. Dort spürt man deutlich, dass diese Ausstellung etwas ganz Besonderes ist – das sind nicht nur wertvolle und künstlerische Photobilder, sondern ein Auftrag, Hauptwerk und wesentliches Anliegen von Edward Steichen.

Zum eigentlichen Verständnis der Ausstellung benötigt der Besucher einige Erklärungen, vor allem hinsichtlich von Edward Steichen und dem historischen Hintergrund der fünfziger Jahre. Es ist äußerst schade, dass der Besucher in Clerf völlig allein gelassen wird. Viele Freunde im Saal wissen, dass versprochen wurde, alle Besucher würden ein tragbares Gerät erhalten, um bei ihrem Rundgang Erläuterungen in der Sprache ihrer Wahl abhören zu können. Derartige Hilfsmittel gehören heute zur Standardausrüstung vieler Museen. In Eupen im Ikob, in Stavelot in der Abtei, um nur zwei Beispiele aus unmittelbarer Umgebung zu erwähnen. In Clerf sind sie bis heute nicht verfügbar. Wer einmal einen geführten Rundgang durch « Family of Man » unternommen hat, etwa zusammen mit Rosch Krieps, weiß die Aussage dieser 500 Photobilder zu schätzen. Es kommt wesentlich auf die menschliche Tragweite der Ausstellung an, geschichtiche Angaben zur Restauration sind in bestimmtem Maße zweitrangig. Sieht man den Beamtenstab mancher Museen, wo in allen Häusern dauernd Bewacher und Betreuer umherspazieren, dann muss man desto mehr bedauern, dass die « Family of Man » in Clerf derart verlassen ist.

Damit gab der Redner ein Beispiel zur Verhältnismäßigkeit der Mittel im Interregionalen, die bereits angesprochen wurde. Diese Ausstellung genießt keineswegs die ihr zukommende Aufmerksamkeit – aus 20000 Besuchern im Jahr müssten 200000 werden; nach Ansicht des Vorsitzenden müssten alle Lyzeumsklassen « Family of Man » einmal erleben können.

In seinem ganz persönlichen Namen fügt Léon Braconnier bei, « Family of Man » gehöre zum Wertvollsten, das im Luxemburger Land ausgestellt ist. Es handelt sich nicht nur um ein einzigartiges Dokument der Weltkultur, vielmehr ist « Family of Man » ein Instrument, um Frieden in der Welt zu säen. Wenn jemand in einem Gespräch über den Krieg im Irak meint, er schäme sich für die Ereignisse, dann erhebt sich die Frage, ob es nicht doch vielleicht zu früh war, Luxemburg mit « Family of Man » zu beschenken und ob es nicht gut wäre, die letzte Zusammenstellung wieder auf Reisen zu schicken. Nicht nur unsere amerikanischen Freunde, nein die ganze Welt benötigt ihre Aussage heute dringend.

* * *

Wenn der Leser unserer Zeitschrift die absichtlich wortgetreue Wiedergabe der Ansprache unseres Präsidenten aufmerksam gelesen hat, wird er mit dem Berichterstatter gemerkt haben, dass hier einmal mehr eine überzeugende Bilanz von geleistetem mit Ausblick auf verbleibende Aufgaben gezogen wurde. Höflich und diskret, aber zugleich auch mit Nachdruck und Ironie wurde « die Politik » in einem Rundgang im Nordkanton einbezogen, zugleich wurde aber auch jeder Einzelne auf eigene Fehler und Versäumnisse in Öslinger Kulturlandschaft hingewiesen.
Bravo a merci!

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Sekretärin Malou Wagner

erstattete sodann ihren gekonnt und gewohnt übersichtlichen Tätigkeitsbericht für 2002 mit Ankündigungen von Veranstaltungen im laufenden Jahr.

Der Jahresanfang 2002 stand im Zeichen unserer traditionellen Gemäldeausstellung, bei welcher Gelegenheit die Künstlerinnen Danielle Grosbusch und Isabelle Lutz ihr Können mit gutem Erfolg unter Beweis stellten.

Nach der Generalversammlung vom 12. April fand am 22. Mai in der Ulflinger Bibliothek ein Leseabend statt mit den Autoren Georges Hausemer und Roger Manderscheid; der Abend wurde in Zusammenarbeit mit der Ulflinger Kulturkommission veranstaltet.

Am 4. Juni begeisterten Sascha Ley und ihr Ensemble rund 100 Zuhörer mit einem Kurt Weill Liederabend: « Lost in the Stars »

Die sechsten « Journées du Chant Grégorien » begannen am 9. Oktober mit einem Vortrag von Père Abbé Jorrot. Drei Konzerte fanden an drei Sonntagen statt, und zwar am 13. Oktober mit dem Luxemburger Ensemble Misericordias, am 20. Oktober mit der Schola der Clerfer Abtei und am 27. Oktober – eine Première – mit dem Knabenchor aus der Abtei Santa Cruz von Madrid. Auch 2002 fand die Veranstaltung unserer Journées großen Anklang in der Öffentlichkeit. Jedes Mal war die Abteikirche bis zum letzten Platz gefüllt; der Erfolg bestärkt uns in der Überzeugung, das begonnene Werk weiterzuführen. Erwähnenswert bleibt noch, dass auch die Stage-Veranstaltungen äußerst gut besucht waren. Neben den « Journées du Chant Grégorien » bleibt die

Veröffentlichung unserer Zeitschrift

eine Hauptaktivität. Jedes Jahr kommen drei Nummern heraus und seit sieben Jahren eine Spezialnummer, die 2002 unter dem Zeichen von « Ons Weeër » stand. In der rundum gelungenen Publikation stimmte das Gleichgewicht zwischen Illustrationen und Texten bis in die letzte Einzelheit. Die Autoren und Photographen sowie selbstverständlich auch das Redaktionskomitee sind herzlich zu ihrer Leistung zu beglückwünschen.

Die « Bibliothek Tony Bourg » besteht seit September 2000 in Ulflingen und hat sich inzwischen gut entwickelt. Fleißige und regelmäßige Leser stammen aus dem gesamten Kanton Clerf, wobei die Zahl der Abonnemente im vergangenen Jahr um 25 Prozent zunahm. Die Leserschaft begreift Erwachsene und Kinder, so dass man sich um die Zukunft der Bibliothek keinerlei Sorgen machen muss. Auch die Zahl der angebotenen Bücher nimmt zu, gegenwärtig verfügen wir über 7000 Bücher aus allen Sparten mit Kinderbüchern, Romanen, Kunstbüchern, Luxemburgensia, Nachschlagwerken, Kochbüchern, Sachbüchern und einem vollständigen Literaturquerschnitt. Unsere Leser können an Ort und Stelle Bücher der Nationalbibliothek und von Cid-femmes entleihen; die Verwalterin der Bibliothek besorgt die bestellten Bücher regel- mäßig aus der Hauptstadt, selbstverständlich kostenlos.

Das Jahr 2002 wurde mit unserer traditionellen Ausstellung abgeschlossen. Drei Künstlerinnen stellten ihre Werke in Premiere aus, und zwar mit gutem Erfolg: Britt Bernard und Patty Thielen (Gemälde) und Patrice Parisotto (Schmuckstücke).

Der erweiterte Vorstand hielt 2002 fünf Sitzungen ab; das Redaktionskomitee tagte viermal.

Neben unseren üblichen Aktivitäten im laufenden Jahr ist ein Leseabend mit Michel Raus (im Herbst in der Ulflinger Bibliothek) geplant.

Die « Journées du Chant Grégorien » sind wiederum auf Erfolgskurs: Zwei Vorträge sind vorgesehen, nämlich am 8. Oktober mit Père Michel Jorrot und am 25. Oktober spricht Jean-Pierre Noiseux zum Thema: « Dom Joseph Poitier, moine et grégorianiste ». Konzerte sind programmiert für den 12. Oktober (Ensemble Psallentes, Belgien), 19. Oktober (Schola der Clerfer Abtei) und 26. Oktober (Schola St. Grégoire, Montréal). Die Stageperiode dauert vom 24. bis zum 26. Oktober.

Am 26. Dezember wird die diesjährige Weihnachtsausstellung eröffnet mit Gemälden von André Paquet und einem weiteren noch zu bestimmenden Künstler.

Nach dem verdienten Applaus für die gewissenhafte Sekretärin trug Schatzmeister Aly Bertemes seinen nicht weniger exakt geführten Kassenbericht vor; die Kassenrevisoren Francis Kler und Marie-Paule Reuter hatten die akribisch genau geführten Konten geprüft und die Versammlung erteilte einstimmig Entlastung. Ohne Gegenkandidaturen wurden die statutengemäß austretenden Vorstandsmitglieder Léon Braconnier, Francis Breyer, Aloyse Kohnen, Marcel Lenertz, Aloyse Nosbusch, Raymond Wagner und Adrien Wouters in ihren Ämtern bestätigt. Der Jahresbeitrag bleibt für 2004 unverändert.

Die Generalversammlung 2003 verlief einmal mehr harmonisch und interessant – 2004 feiern wir (schon) ein Vierteljahrhundert « Cliärrwer Kanton ».