De Cliärrwer Kanton 2010-2
Léon Braconnier

Die große Enttäuschung

Dass die Initiative “E Lycée fir de Cliärrwer Kanton” Monate und Wochen vor der fatalen Entscheidung in den Medien immer wieder die Wichtigkeit des Baus eines Lyzeums unterstrich, hatte schon einen Sinn. Denn als Jean-Claude Juncker am 5. Mai 2010 im Parlament die geplanten Sparmaßnahmen verkündete, köchelte doch bei vielen ein kleines Süppchen der Zuversicht. Doch dann kam es dicke: das Clerfer Lyzeum, aber auch jene in Differdingen und Mondorf, werden zurückgestellt. Und dann, nach mehreren Jahren, na dann schauen wir mal.

Innerhalb von Sekunden, einige wenige Sätze reichten, hatte sich eine Vision in Luft aufgelöst. War wie eine Seifenblase zerplatzt. Das Projekt Lyzeum in Clerf vorläufig abgeschossen, die meisten mochten es nicht glauben. Sparen, ja, aber bei der Bildung?

Seit dem Jahr 2000 setzt sich De Cliärrwer Kanton für den Bau eines Lyzeums ein. Erinnern wir uns: nach dem Standortgeplänkel herrschte überall eitel Sonnenschein. Alle Parteien zeigten sich einig, das Lyzeum in Clerf muss und wird gebaut werden. Dennoch, zu einem “Projet de Loi” reichte die Begeisterung all die Jahre nicht. Nachfragen wurden abgekanzelt, Zweifler als Nörgler und Nimmerzufriedene abgestempelt. “Das Lyzeum ist doch längst eine beschlossene Sache”, sagte man uns noch im April 2010 während der Generalversammlung des Cliärrwer Kanton, “das Projekt ist doch auf den Schienen”. Doch es sollte anders kommen. Einmal mehr sollten die Zweifler Recht behalten. Leider.

Selten hatte ein Projekt mehr Symbolkraft, selten ein Projekt mehr Potential, mehr Strahlkraft. Der Jugend einer Region sollte die Ausbildung näher gebracht werden. Der Bau eines Lyzeums in Clerf hätte den Menschen der Nordspitze die Gewissheit gegeben, dazu zu gehören. Dass sich nun wieder einmal das Gefühl breit macht, zur zweiten Garde zu gehören, wen wundert’s?

Deutlich waren die Studien: nur an der Nordspitze herrscht in unserem Land ein sogenanntes “Vide scolaire”. Das geplante Lyzeum mit einer Anfangskapazität von 700 – 800 Schülern schien nicht nur wie geschaffen, eine qualitativ hochwertige pädagogische Mission zu erfüllen, unser Kanton wäre auch infrastrukturmäßig an andere Regionen herangekommen.

Nun aber muss gespart werden. Das von CSV und LSAP vorgestellte Sanierungsprogramm ist bemerkenswert. Natürlich muss in Krisenzeiten die Ausgabenseite überprüft werden, natürlich muss gespart werden. Niemand will an dieser Stelle Sinn oder Ausgewogenheit des Regierungssparpaketes kommentieren. Allgemein bekannt ist aber, dass am Ende der letzten Tripartite-Runde ein in Luxemburg eher unübliches Scheitern stand. Der gewohnte Konsens scheint momentan in weiter Ferne, derweil unser Premier am Nationalfeiertag einen weisen Appell an mehr Einsicht formulierte. So ist bekannt, dass in unserem Land die Lohnstückkosten mit am höchsten sind. Die Frage, ob da nicht eine gefährliche Zeitbombe tickt, stellt sich nicht. Das Ticken ist unüberhörbar. Während in anderen Ländern auch mal Gehälter gekürzt wurden, ist bei uns schon die Diskussion um die umstrittene automatische Indexanpassung ein Tabuthema, dessen Infragestellen ein Zetern auslöst, als ginge es um Leben und Tod. Mag sein, dass andere Gründe mit im Spiel waren, die vor kurzem erfolgte Stilllegung der Produktion von Villeroy & Boch im Rollingergrund offenbart dennoch, dass wir einer Auseinandersetzung über unsere Wettbewerbsfähigkeit nicht ewig ausweichen sollten.

Der schlechten Nachricht, dass ein für den Kanton lebenswichtiges Projekt der Krisenbewältigung in Luxemburg geopfert wurde, folgte – zunächst einmal – gar nichts. Schweigen. Mag sein, dass es hinter den Kulissen rumort hat, ja, wir wissen aus erster Hand, dass es heftige Diskussionen gab. Gefruchtet hat diese Politik indes nicht, die Taktik, diskret hinter den Kulissen zu agieren, hat augenscheinlich zu keinem Resultat geführt. Ein Projekt dieser Importenz, welches von einer breiten Mehrheit getragen wird, kann man kaum unter Ausschluss der Öffentlichkeit behandeln. Der Regierung ist die Entscheidung, das Clerfer Lyzeum zu opfern, sicher nicht leicht gefallen. Ob die Aussicht in diesem Falle auf wenig Widerstand zu stoßen, das Vorgehen favorisierte, sei dahin gestellt. Beunruhigend aber, dass trotz offizieller Einmütigkeit auch Kräfte hinter den Kulissen agierten, denen das Projekt Lyzeum dann doch nicht so eng ans Herz gewachsen scheint. “Sie redeten mit gespaltener Zunge”, so nannten das die Indianer meiner ersten Lesejahre.

Das staunende Publikum war ob der verhaltenen Reaktion der Akteure auf dem politischen Parkett dann doch etwas überrascht. In der Zwischenzeit, auch in Situationen wie dieser, erwartet wohl niemand mehr eine gemeinsame Haltung der neun Norddeputierten über Parteigrenzen hinweg. Obwohl es verdammt gut getan hätte. Erst später folgten vereinzelte Protestnoten einiger Parteisektionen und ebenfalls verschiedene Gemeinderesolutionen. Durchaus lobenswert, aber dass es auch anders geht, zeigte die Stadt Differdingen. Schon am 19. Mai verabschiedete der Gemeinderat einstimmig eine Aufforderung an die Regierung, die Entscheidung zu überdenken. Die Presse berichtete in Bild, Ton und Text. Hat der Norden einmal mehr die Chance einer spontanen und solidarischen Reaktion vertan? Was entschlossenes Auftreten bewirken kann, hatten kurz vorher die schon erwähnten Tripartite Verhandlungen bewiesen.

“Knapp zwei Monate nachdem die Regierung im Rahmen ihrer Sparbeschlüsse die zeitliche Aufschiebung der Pläne für den Bau des Clerfer Lyzeums verkündete hatte” schrieb John Lamberty am 2. Juli 2010 im Luxemburger Wort, “wandelt sich die Schockstarre der Nordgemeinden allmählich in Protest”. Dies, nachdem die Clerfer Gemeinderäte eine gemeinsame Forderung des Kantonalsyndikats Sicler unterzeichnet hatten. Eine Forderung, die in den folgenden Tagen auch von den anderen Gemeinden unterschrieben werden sollte.

Immerhin, schon am 26. Mai 2010 hatten sich André Bauler und die Initiative “E Lycée fir de Cliärrwer Kanton”, die von unserer Vereinigung mitgetragen wird, zu Wort gemeldet. Seinerzeit hatte die Initiative 4000 (!) Unterschriften für den Bau des Lyzeums zusammengetragen. Die aufkeimende Hoffnung, die Zuversicht so vieler Menschen sind nun einer großen Enttäuschung gewichen. Unverständnis und Kopfschütteln haben sich breit gemacht. Was noch schwerer wiegt, und das kann man europaweit feststellen: zwischen den Menschen und der Politik wächst das Unverständnis und die Entfremdung.

In der Zwischenzeit ist das alte Gebäude der CTI dem Boden gleich. Nun träumen einige Hektar Land von Klassenräumen, Chemie-, Physik- und Turnsälen und von einem Schwimmbad. Eine Region hofft immer noch auf das Projekt Lyzeum, das ein so vielschichtiges Symbol für den Neubeginn wäre. Wir vom Cliärrwer Kanton versuchen weiter an die Vernunft zu glauben, hoffen inständig auf ein baldiges Umschalten der Ampel auf grün. Denn zurzeit erscheinen erste, durchaus ernst zu nehmende Hinweise, dass die allgemeine Wirtschaftslage dabei ist, von rot auf orange zu wechseln.