De Cliärrwer Kanton 1980-1
René Maertz

Die erzwungene Abwanderung

In einer im Dezember ausgestrahlten Fernsehsendung von RTL über die Gemeinde Clerf führte der Leiter der Jugendorganisation, Francis Godfroid, sinngemäß folgendes aus: Ich fahre jeden Tag nach Luxemburg zur Arbeit, da ich in unserer Gegend keinen Arbeitsplatz finde. Ich gehe also morgens gegen 6.30 Uhr von zuhause fort und komme abends gegen 19.30 Uhr zurück. Ich möchte eine Familie gründen. Unter den vorgenannten Bedingungen kann ich aber nur übers Wochenende mit meiner Familie zusammen sein. Dies ist nun der Hauptgrund, weshalb ich mich gezwungen sehe, eine Wohnung in der Nähe meines Arbeitsplatzes zu suchen. Eine kleine Rechnung zeigt, daß ich einstweilen täglich ca 3 Stunden aufwende, um zu meinem Arbeitsplatz zu gelangen. Würde man diese Stunden für An- und Rückfahrt über einen Zeitraum von 30-40 Jahren rechnen, so kämen dabei mehrere vertane Jahre eines Menschenlebens heraus.

Ein Einzelschicksal? könnte man fragen. Sicherlich nicht. Im Gegenteil; die Mehrzahl der Jugendlichen aus unserer Gegend sieht einer ähnlichen Zukunft entgegen. Wie sollten nun diese jungen Menschen anders reagieren als mit Verunsicherung?

Denn, was heute und hier geschieht, ist nicht nur der seit Jahrhunderten übliche Aderlaß an einer ländlichen Bevölkerung. Was heute und hier geschieht, ist erzwungene Abwanderung.

Man unterläßt es, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Und nicht nur das: man schafft seit Jahren bestehende Arbeitsplätze konsequent ab. An Beispielen mangelt es nicht: Landwirtschaft, Eisenbahn, Verwaltungen.

Wenn nun auch verständlich ist, daß unsere Region nicht denselben weiten Fächer von Arbeitsmöglichkeiten bieten kann wie etwa größere Zentren, wenn auch verständlich ist, daß die Aufgabe von Arbeitsplätzen (und manchmal möchte man meinen, provozierte Aufgabe von Arbeitsplätzen) aus der Sicht der Techno- und Expertokraten gerechtfertigt erscheint, weil sie sich am Schreibtisch als die ökonomisch vorteilhafteste Lösung ausrechnen läßt, so sind wir doch der Ansicht, daß selbst in den härtesten ökonomischen Tatsachenkomplexen menschliche Gegebenheiten stärker berücksichtigt werden müßten als allgemein wirtschaftliche. Man sollte dem Menschen nicht von vornherein die Hoffnung auf eine gesicherte Heimat nehmen. Oder weiß man nicht um das Gefühl der Entwurzelung?

In der nächsten Nummer dieser Zeitschrift werden wir eine Reihe von diesbezüglichen Tatsachen aufzeigen und analysieren, Fragen stellen, aber auch versuchen, Lösungen zu finden.