De Cliärrwer Kanton 1983-2
René Maertz

Eine Kosmetik des Niedergangs

Während der vergangenen Monate haben die Diskussionen um die soziale und wirtschaftliche Lage des Kantons Clerf wieder deutlich gemacht, welch unerhörter Luxus eine echte Demokratie ist: das freie Spiel der Meinungen und Interessen ist allemal kräftezehrend und gelegentlich frustrierend. Benutzen wir also das demokratische Spiel der freien Meinungsäußerung, um unsere Ansichten möglichst klar auszudrücken.

Obwohl jede Frage, jedes Ding naturgemäß seinen Widerspruch in sich trägt, zeigte es sich doch, daß die Spannweite des Meinungsfächers außergewöhnlich groß ist. Einerseits gibt es Mitbürger, die meinen, die Nordspitze werde wohl in naher Zukunft nur mehr eine verwilderte Ecke sein, garantiert frei von den primitiven Eingeborenen. Etwa ein Freilichtmuseum der letzten Hinterwäldler. Hilfsmaßnahmen seien nicht zu verantworten, da der soziale Tod so nahe sei. Am Krankenlager sind die Helfer meist dünn gesät, Hochzeiten aber haben stets ihr Publikum. Andererseits gibt es die Ansicht, die Öslinger und ihre Freunde sollten endlich zu den harten Mitteln greifen – so wie andere das ja vormachen -. Da seien Demonstrationen, administrative Streiks und Pressekampagnen wohl das rechte Mittel, die rettenden Ziele zu erreichen. – Erliegt man nicht manchmal der düsteren Faszination des scheinbar Unabwendbaren? Erstaunlich waren auch einzelne Versuche, die einheimische Bevölkerung auseinanderzudividieren. Ein meist etwas grob gesponnenes Netz mehr lokaler und persönlicher Interessen sollte wohl von der hypothetischen Kurzsichtigkeit der Betroffenen gespannt werden. Ein solches Netz tragfähig zu machen, bedarf es doch mehr als des Feingefühls, der ein Bulldozer zu bieten vermag. Wir dürfen keinesfalls die Auslaugung der gesamten sozialen Infrastruktur des Kantons aus dem Auge verlieren. Dies ist die wesentlichste Grundlage für eine Gesundung. Die Befriedigung von Partikularinteressen wird nicht als Alibi eines Entscheidungsträgers angenommen werden dürfen.

Tatsachen lassen sich nicht wegdiskutieren. Tatsache ist, daß die Bevölkerungsverschiebung im Sog des Arbeitsplatzangebotes im Zentrum und im Süden in den letzten Jahrzehnten fast 40% beträgt. Dieser Aderlaß setzt sich fort. Dörfer, deren Bewohner hauptsächlich in der Landwirtschaft tätig sind, werden in naher Zukunft sowohl durch Betriebsaufgabe aufgrund von Unrentabilität oder Überalterung als auch durch arbeitsbedingte Abwanderung einen Schwung der einheimischen Bevölkerung erleben, der das soziale Gefüge der Dortgemeinschaft lebensbedrohend auslaugt. Die gespenstische Regelmäßigkeit dieses langsamen, stetigen und undramatischen Erosionsprozesses gestattet keine großen Hoffnungen, könnte aber leicht zur Kapitulation verleiten. In Wirklichkeit wird die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe, so wie in den anderen Gegenden auch, stark rückläufig sein. Die Dörfer, bisher das lebenerhaltende Grundgewebe unserer Gegend, werden in der Hauptsache zu Feierabend-, Feiertags- und Weekendsiedlungen werden: wenige Bauernbetriebe, spärlich mit Arbeitskräften versehen, einige Pendlerhaushalte, Rentner und Wochenendler.

Die Erstellung einer Studie seitens der Regierung, die Hilfsmaßnahmen für unsere Region betreffend, hat der “Cliärrwer Kanton” wiederholt wärmstens begrüßt. Kürzlich hat der Regierungschef den Abschluß dieser Studie für September angekündigt. Inzwischen breitet sich aber eine weitgehend verständliche Skepsis aus. Der Zeitaufwand von 1 1/2 Jahren für diese Studie verleitet zur Annahme, daß weder Auftraggeber noch Autoren der Vordringlichkeit des anzustrebenden Maßnahmenpakets besondere Beachtung geschenkt haben, es sei denn, man erachte eine annehmbare Lösung als unmöglich. Anlaß zur Skepsis gibt auch die Tatsache, daß in letzter Zeit in anderen Landesteilen eine Anzahl von Fabriken und Industriezonen installiert wurde. Zum ändern wird gefragt, ob jene Verwaltungen, deren Büros im Raum Clerf bereits reduziert oder abgeschafft wurden, im nachhinein noch ein Interesse an der Wiederbelebung dieser Gegend aufbringen wollen und können.

Es ist unangenehm, manchmal gar peinlich immer wieder dieselben Gedankengänge vorzubringen. Gibt man sich aber Rechenschaft darüber, wie Abwiegeln, Schaumschlägerei und lobbygebundenes Intrigantentum grundlegende Tatsachen und Evidenzen zu vertuschen oder zu leugnen versuchen, so sieht man sich gezwungen des öfteren wesentliche Tatbestände zu wiederholen.

Wir sind der Ansicht, daß nur ein regionaler Gesamtplan, der die Spezialität, die Eigenart der geographischen, klimatischen und sozialen Lage der Gegend berücksichtigt, auf Dauer erfolgversprechend ist.

Wir sind noch immer der Überzeugung, daß ein Plan zur sozio-oekonomischen Wiederbelebung dieser Gegend eine gesetzgeberische Initiative erfordert, etwa im Sinne der Schaffung einer “zone d’action prioritaire”.

Wir betonen erneut unsere Meinung: nur die Bereitstellung industrieller Arbeitsplätze vermag die Erhaltung des sozialen und wirtschaftlichen Bestandes dieser Gegend zu gewährleisten.

Am Baum der Volkswirtschaft muß es auch hier mehr als zwei Äste geben: Die Landwirtschaft wird sich wohl so wie im Landesdurchschnitt entwickeln, der Tourismus darf nicht vernachlässigt werden. Doch hat der bisherige Niedergang klargemacht, daß diese beiden Wirtschaftspfeiler zur Konsolidierung des sozialen Bestandes nicht genügen.

Fast wäre man versucht, etwa zu erwartende Trostpflästerchen mehr zu fürchten als zu begrüßen. Denn nur eine massive Schaffung industrieller Arbeitsplätze könnte die Wiederbelebung bringen. Alles andere wird wohl nur der Kosmetik des Niedergangs dienen.