De Cliärrwer Kanton 1987-1
Léon Braconnier

Warten auf die Chance

Möglichst leise wäre fast der Niedergang über die gewaltige Nordöslinger Bühne gegangen, ohne Dies irae, ohne Pauken und Trompeten, Blitz und Donner, möglichst diskret, ordnungsgemäß, um ja nicht das idyllische Öslingbild ins Wanken zu bringen. Langsames Dahinsiechen läßt kalt, bestenfalls Spektakulärem gelingt es bisweilen noch, die von den Medien abgestumpften Gemüter aus dem Schlummer zu erwecken. Still war es in der Tat um den Kanton Clerf geworden, nur ab und zu wurde Erwärmtes fast wie eine Pflichtübung serviert, die Gleichgültigkeit schien Trumpf, da passierte es. Ja, bewegte Zeiten hat die Nordspitze hinter sich, ist sie doch für einmal aus dem lieblich klingenden, aber äußerst bedrohlichen Dornröschenschlaf gerissen worden. Das Nordösling im Fokus der nationalen Aktualität, da erregten sich die Gemüter, die Geister spalteten sich und das Schicksal nahm seinen Lauf. Was man in jenen Tagen und Wochen alles an Wahrheitsverdrehungen, Begradigungen, Widersprüchen, Kehrtwendungen, Gedankensprüngen, wahrhaftigen Salti mortali, hat sammeln können, überrascht und würde ohne Zweifel reichen, einen Turm mit Aussicht auf Schilda zu errichten.

Bewußt hat sich unsere Vereinigung aus dieser Polemik herausgehalten. Polemik ist kein guter Nährboden für Vernünftiges, und Anrempeln scheint ein etwas dürftiger Ersatz für Argumente. Fairerweise sollte man dem Cliärrwer Kanton bescheinigen, in all den Jahren, ohne wenn und aber, konsequent seinen Weg befolgt zu haben. Über das kulturelle Engagement hinaus, galt unser gesellschaftlicher Einsatz der sozio-ökonomischen Wiederbelebung der Region. Ein erster, schwieriger Schritt war, die Lage zu analysieren und mit Zahlen zu untermauern, sachlich, nüchtern, präzis. Die Fakten redeten eine solch klare Sprache, das Leugnen einer spezifischen Notsituation war schier unmöglich. Schließlich war es soweit, das luxemburgische Staatsschiff lief aus, zur Rettung seines Nordarchipels. Indes, der Taten sind noch nicht allzuviele erfolgt. Da plötzlich, Arbeitsplätze in Sicht? Gleich 300 auf einen Schlag? Wunderliches geschieht. Obgleich alle drei im Norden vertretenen Parteien sich in einem gemeinsamen Manifest für die Schaffung von Arbeitsplätzen stark gemacht hatten, obwohl auch in der Regierungserklärung Hilfe versprochen wurde, nichts geschah. Allerdings haben die geführten Diskussionen zumindest einige Hasen aufgescheucht.

  • Verschiedene Kreise haben offenbar vom Nordöslingproblem erst jetzt Kenntnis genommen. Einmal mehr ist prompt schnellste Hilfe angekündigt und sogar gestimmt worden. Startblöcke stehen bereit, um den Rettungsmannschaften rapides Fortkommen zu garantieren.
  • Andere wiederum haben Zweifel, ob der Norden überhaupt Arbeitsplätze benötigt; wenn ja, dann sicher nur in geringer Stückzahl, da es ja nördlich von Ettelbrück fast keine Arbeitslose gebe. Sarkasmus möchten wir nicht unterstellen; der Frage aber, ob der Niedergang unseres Kantons überall in seiner ganzen Tragweite eingesehen und verstanden wird, sollte man nicht aus dem Weg gehen. Einmal mehr ist klar geworden, und dies wirft ein bezeichnendes Licht auf die ganze Problematik, wie schwer man sich tut, wenn es darum geht, dem wählerschwachen Nordösling neue Dimensionen zu eröffnen. Da verschließen sich die Türen; Arbeitsplätze, welche anderswo in unserem Lande mit Händen und Füßen verteidigt werden, verwandeln sich im entfernten Norden in des Teufels schauriges Werkzeug. Überhaupt scheint das Demokratiegefüge manchmal nach etwas seltsamen Regeln errichtet. Minoritäten laufen Gefahr, überschrien zu werden; manche Hiebe landen unter der Gürtellinie.

Zugegeben, De Cliärrwer Kanton tut sich schwer, den ganzen Wirbel zu verstehen. Wieviele hundert mal sind für unsere Gegend nicht schon Arbeitsplätze gefordert worden, wieviele Erklärungen, Versprechen, Forderungen, Motionen usw sind nicht schon durch die Medien gegeistert? Falls unsere Erinnerungen uns keinen bösen Streich spielen, hat dabei keine Partei, kein Presseorgan, kein Politiker abseits gestanden. Unsere Vereinigung hat diesen Einmut immer begrüßt und die gewählten Vertreter bei ihrer schwierigen Aufgabe ermutigt. Umso schmerzlicher war die Erfahrung, daß kostbare, ja lebenswichtige Arbeitsplätze zum politischen Zankapfel degradiert worden sind. Insbesondere waren viele erstaunt über die Leidenschaft, die wie ein roter Faden manche Diskussionen und Presseartikel durchzog und jede Fairness und Objektivität erwürgte. Überzeugen kann ohnehin nur Sachliches, Passionsausbrüche aus der politischen Arena helfen leider nur den allerwenigsten. Gute Vorsätze und Versprechen blieben draußen im Regen stehen, Unbehagen, ja fast Krisenstimmung beherrschte die Szene. Das jüngste Kapitel in Sachen Nordöslinggeschichte hat bei der Bevölkerung Unverständnis und Verbitterung hinterlassen. Das Gefühl, einmal mehr leer ausgegangen zu sein, droht zu einem frustrierenden Dauerzustand zu werden. Natürlich ist die Mitte Februar von Staatssekretär Johny Lahure vorgestellte regionale Industriezone ein Schritt in die richtige Richtung. Seit Jahren stehen Infrastrukturen auf der Wunschliste; ohne sie zerplatzen Zukunftsgedanken wie Seifenblasen. Diese « regionalen » Industriezonen, eine zweite wurde bekanntlich im Kanton Grevenmacher angekündigt, stellen in der Tat eine spezifische Hilfsmaßnahme dar, eine auf Maß geschneiderte Lösung. Wir unterschätzen keinesfalls diese Geste, und als erster konkreter Schritt hinsichtlich einer voluntaristischen Industrialisierungspolitik ist sie natürlich zu begrüßen. Allein, wir glauben, daß für den Staat Luxemburg auch weiterhin Zugzwang besteht. Anderthalb Jahre nach den Arbeiten der « Commission mixte », die bekanntlich konkrete Vorschläge an die einzelnen Ministerien auf den Tisch legte, sind die Resultate doch etwas dürftig. Man hat den Kanton Clerf jahrzehntelang auf der schiefen Ebene nach unten schlittern lassen. Mit 2 oder 3 Kleinstunternehmen, und auch die werden voraussichtlich noch auf sich warten lassen, ist unserer schwer angeschlagenen Gegend nicht geholfen. Nach wie vor sind wir der Meinung, nur ein von einem Gesamtplan getragenes Bündel von Maßnahmen könnte vielleicht noch das Ruder herumwerfen.

Ein Kriterium zur Straßenbauplanung sollte sicher die Transportdichte darstellen. Die Nordstraße, meist befahrene Strecke Luxemburgs, steht leider an letzter Stelle der Prioritätsliste. Die aktuelle Regierung hat sich vorgenommen, jetzt wenigstens die Streckenführung festzulegen, ein Problem, an dem bisherige Projekte immer scheiterten. Aber immerhin, vor Ende der 90er Jahre ist keinesfalls mit einer Fertigstellung zu rechnen. Günstigen Verkehrsverbindungen fällt allerdings bei Investitionsentscheidungen eine nicht unbeträchtliche Katalysatorfunktion zu. Auch sollte man bei Diskussionen über die Nordstraße das Teilstück Ettelbrück-Wemperhardt nicht außer acht lassen. Von den leidigen und nicht ungefährlichen Engpässen einmal abgesehen; die Securité Routière hat kürzlich einen viel beachteten Artikel veröffentlicht, welcher dreispurige Straßen aus Sicherheitsgründen prinzipiell in Frage stellt. Im Ausland schon seit einiger Zeit verbannt, stellt sich die Frage, ob man sich nicht auch hierzulande einmal Gedanken über den dreispurigen Teil der Nordstraße machen sollte. Auf der anderen Seite ist durch das Zögern unserer belgischen Nachbarn, das Teilstück Gouvy-Rivage zu elektrifizieren, auch die internationale Bedeutung der CFL-Nordstrecke in Frage gestellt. Da es bisher versäumt worden ist, Anschlüsse an das europäische Autobahnnetz zu planen, ist es so bald geschafft: das Ösling wird zur stillgelegten Ecke. Ein Blick auf die Landkarte zeigt, wie liebevoll die Nordspitze vom Ausland umarmt und … umfahren wird.

1986 wurden vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung über 340 Mio ECU in 1208 Investitionsvorhaben investiert. Mit Ausnahme von Luxemburg profitieren alle EG-Länder von dieser Maßnahme. Ob es nicht angemessen wäre, auch EG-Hilfe für den benachteiligten Kanton Clerf anzufordern? Allerdings setzt dies eine Kehrtwendung in der bisherigen Vertröstungspolitik der Verantwortlichen voraus. Wann wird endlich der Entschluß gefaßt werden, die Hemdsärmel aufzukrempeln?

Einmal abgesehen davon, wie man einem Militärlager gegenüber gesinnt sein mag, allzu wählerisch sollte man sich im übrigen nicht geben, es sei denn, und das entzieht sich unserer Kenntnis, die Landesführung hält ähnliche Projekte in Reserve, die Installierung eines US-Depots würde wahrscheinlich nicht alle Probleme lösen; sie würde mit Sicherheit aber eine radikale Wendung in dem scheinbar unabwendbaren Niedergang bedeuten. Ein Projekt dieser Größenordnung hätte nicht nur auf dem Arbeitsmarkt größte Auswirkungen, auch für die gesamte Wirtschafts- und Handelsstruktur, sowie für die CFL-Nordstrecke, würden sich neue Dimensionen eröffnen. All dies kann man nur erahnen und verdient unserer, Meinung nach zumindest eine faire und objektive Diskussion. Hoffen sollte man, daß nicht alle Türen verschlossen sind; auch parteiintern wäre man vielleicht gut beraten, das Dossier ein zweites Mal zu öffnen und in aller Sachlichkeit zu beraten. Daß die Positionen keinesfalls alle auf einer Linie liegen, dürfte ein offenes Geheimnis sein, beispielsweise kündigte der LSAP-Norddeputierte Georges Wohlfart bei Gelegenheit einer RTL-Sendung an, er werde im Falle einer Grundsatzentscheidung seine Verantwortung im Interesse des Nordens zu übernehmen wissen.

Seit 1979 haben wir mit Erfolg versucht, die Politiker auf unsere prekäre Lage aufmerksam zu machen. Sämtliche Studien haben ergeben, daß uns mit Flickwerk und Feigenblattretuschen nicht zu helfen ist. Nur konkrete Resultate auf dem Arbeitsmarkt können letztendlich Zeuge guten Willens sein.

Vieles steht auf dem Spiel. Die Nordspitze könnte jetzt eine Prise Sauerstoff vertragen. Sollten wir einmal mehr, vielleicht zu Gunsten unserer unmittelbaren (ausländischen) Nachbarn in die Rolle des staunenden Zuschauers gedrängt werden, dürfte es schwerfallen, seitenweise Erklärungen zu liefern. Immer schwieriger wird es für viele Betroffenen, nicht an Gleichgültigkeit oder gar an Ressentiments unserem Landesteil gegenüber glauben zu müssen. Noch ist es Zeit, Brücken zu bauen, Kompromisse zu finden. Wir richten einen Aufruf an alle, dem Nordösling eine Chance zu geben. Wir bitten darum.