De Cliärrwer Kanton 2012-S
Léon Braconnier

Herr, gib meiner Scholle Segen, lass meine Saat gedeihn …

Natürlich hat diese Nummer nicht den Anspruch, auch nur annähernd eine Studie über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der hiesigen Landwirtschaft zu sein. Ackerbau und Viehzucht sind ein wahrlich zu weites Terrain für eine Cliärrwer Kanton Ausgabe.

Vielmehr wirft diese Spezialnummer einen Blick auf einen Sektor, der in hohem Maß die Geschichte unserer ländlichen Region mit geprägt hat. Und mit dieser Momentaufnahme fragen wie uns natürlich, wie die aktuelle Situation und der Wandel im Agrarsektor ausschauen. Ob der jahrzehntelang beschworene Familienbetrieb ein Auslaufmodell ist? Ob die Zukunft eine rein industrielle sein wird? Ob der Landwirt mehr und mehr zum Landschaftsgärtner wird? Und wo stehen die Bio-Betriebe? Liegt gerade hier eine vielversprechende Zukunft? In jedem Fall wurde die Landwirtschaft noch 1983 in der Regierungsstudie über den Kanton Clerf, übrigens neben dem Tourismus, als eines der Standbeine erkoren, das in die Zukunft führen sollte. Und doch, bei allen mehr oder weniger unsicheren Aussichten sollen diese Seiten vor allem eine Hommage sein an einen Sektor, der in der Geschichte des Landes und so mancher Luxemburger Familie zahlreiche Seiten geschrieben hat.

Wie in fast allen Bereichen ist auch die Evolution im Agrarsektor rasant; was sich gestern noch bewährt hat, ist heute vielfach Vergangenheit. Automatisierungskonzepte in Milch- und Fütterungstechnik setzen in Staunen, Science Fiction wird Wirklichkeit. So werden landwirtschaftliche Geräte künftig von Satelliten gesteuert, dank GPS mit einer Genauigkeit von wenigen Zentimetern . Technisch wären heute schon fahrerlose Traktoren möglich, die Spurabweichung, auch in hügeligem Gelände, ist minimal, quasi ohne Überlappung der Reihen beim Düngen, Säen und Ernten. Nur aus Sicherheitsgründen darf der Fahrer noch hinters Steuerrad. Heute noch.

Längst werden die Agrarpreise auf dem Weltmarkt von Spekulanten manipuliert und gejagt, ein globaler Verteilungskampf hat eingesetzt. Wenn das Kilo Milch dem Produzenten mit weniger als 25 Cent vergütet wird, ist das mehr als befremdend. Doch es geht wohl darum, bei einer rasant steigenden Weltbevölkerung, die Ressourcen bestmöglich zu nutzen. Über den Weg dorthin herrscht beileibe keine Einstimmigkeit. Bodenzerstörung, Klimawandel, fortschreitende Wasserknappheit: was kommt auf uns zu? Immer mehr Menschen bedeutet immer mehr Ackerland. Und geschieht dies letztendlich auf Kosten der Regenwälder, kann das globale Ökosystem Erde in Gefahr geraten. Und was von Grüner Gentechnik halten, ein rotes Tuch für die Biolandwirtschaft? So ertönt hierzulande beim Wort Gentechnik lautes Geschrei, mit Erfolg wurde das Thema verteufelt. Dabei stünden eine Versachlichung der Diskussion und mehr Sachverstand dem Thema verdammt gut zu Gesicht.

Wenn auch in unseren westlichen Ländern das Kaufverhalten der Verbraucher Angebot und Nachfrage beeinflusst. in weiten Teilen der Welt geht es um schlichtes Überleben. Herbizid-, Virus- und Pilzresistenz, verbesserte Trocken- und Salztoleranz, Proteinqualität und -gehalt geben oft den Ausschlag. 2010 wuchsen schon auf mehr als 10 % des weltweit nutzbaren Ackerlandes gentechnisch veränderte Pflanzen. Dieser Anteil wird in Zukunft wohl rasant ansteigen. Es geht um gewaltige Summen: droht da nicht die Abhängigkeit von Großkonzernen mit unabsehbaren Folgen? Schlummern nicht weitere, vielleicht heute noch unbekannte Risiken?

Auch Biogasanlagen werfen Fragen auf. Alternative Energien: ja, aber dass diese aus Lebensmitteln wie Mais gewonnen werden, wirft ethische und logistische Fragen auf. Riskiert nicht z.B. der höhere Verdienst mit Mais, als Biomasse verheizt, andere Basisnahrungsmittel wie Weizen oder Kartoffel zu verdrängen?

Zurück zu Landwirtschaft und Ösling. Lange schon hat die Realität die Klischees überrollt. Das Pferdegespann, die beschaulichen roten, blauen und grünen Traktoren sind zum Teil Monstern gewichen, Furcht ein flößenden Titanen der Straße. Aus Bilderbuch-Bauernhöfen sprießen Agrarfabriken, Größe allein entscheidet über Rentabilität. Landwirtschaft ist längst nicht mehr unumstritten, auch auf dem Land lodern immer wieder Konflikte auf. Streit zwischen neuen Bewohnern in den Dörfern, welche sich zunehmend über Belästigungen beklagen, mal über Lärm, mal über unangenehme Gerüche. Zugegeben, Gülle gehört mit hochgiftigem Schwefelwasserstoff, mit Methan und Ammoniak eher in die Kategorie Sondermüll als in die glamouröse Parfümwelt der Neuzeit. Konflikte sind da vorprogrammiert. Die Alteingesessenen werfen den zugezogenen Bürgern vor, nur die Vorteile des Landlebens zu schätzen, sich aber eventuellen Nachteilen zu verschließen. Andersherum wird den Bauern Rücksichtslosigkeit und sogar manchmal Provokation vorgeworfen. Aber manchmal sind sich zum Glück alle eins, manche Land- und Naturdüfte werden von jedem geschätzt!

Und neue Konflikte bahnen sich an: die scheinbar immer zahlreicheren Mähdrescher, Traktoren, mit oder ohne Anhänger, sorgen auf der dicht befahrenen N7 (« Dräibunn ») für Irritationen und manchmal für Aggressionen. Bei so manchem Autofahrer steigt das Adrenalin beim Anblick der orangen Blinklichter, die unweigerlich für eine oft kilometerlange Schleichfahrt stehen. Das Problem ist real, wer aber zaubert eine für alle Parteien akzeptable Lösung aus dem Ärmel? Wie auch immer, wer sich prinzipiell dem vierspurigen Ausbau dieser Lebensader für den Norden verschließt, verkennt die Realität l

Die rezente Evolution im Agrarsektor schmeckt so manchem nicht. Aber letztendlich ist der immer schnellere, nicht immer kontrollierte Wandel ein generelles Phänomen. Aber die Erde dreht sich zum Glück immer noch mit der gleichen Geschwindigkeit, eine Umdrehung in 24 Stunden. Was auch geschieht, hoffen wir, dass uns auch morgen noch die goldenen Wogen des Weizens im Sommerwind berühren, tief in der Seele berühren.